Neulich bekam ich eine nette Email von Sara aus Rissen. Sie schreibt gerade an Ihrer Facharbeit mit dem Thema Architekturfotografie und fragte, ob Sie mir ein paar Fragen zu diesem Thema stellen darf. Das durfte Sie natürlich.

Architekturfotografie Interview in 20 Fragen

 

1. Wie sieht Ihre typische Ausrüstung aus?

Ich fotografiere mit einer Canon Vollformatkamera mit diversen Zoombobjektiven, Festbrennweiten, sowie Tilt-Shift Objektiven. Selbstverständlich wird jede Aufnahme vom Stativ gemacht.
Je nach Auftrag kommen noch mobile Blitze dazu. Kleinkram wie Blitzauslöser, Tablet und andere kleine Helferlein sind auch immer in der Tasche.

2. Bearbeiten Sie Ihre Fotos nach? Wenn ja, worauf sollte man achten ?

Ja, in der modernen Architekturfotografie geht es nicht ohne.
Beim fotografieren von Architektur ergeben sich in der Regel 3 „Probleme“. Diese sind stürzende vertikale Linien, welche 100%ig vertikal sein sollten, da die Architektur ansonsten falsch wiedergegeben wird.
Zweitens, eine gleichmäßige Ausleuchtung der Szenerie, sowie drittens, die Anpassung einer korrekten Farbwiedergabe über das gesamte Bild.

3. Was ist Architekturfotografie für Sie ?

Gute Architekturfotografie transportiert die Emotionen, die der Architekt mit seiner Arbeit ausdrücken möchte.
Im besten Falle werden diese sogar noch verstärkt und Aspekte des jeweiligen Kunden, welcher die Arbeit in Auftrag gibt, mit in das Bild aufgenommen.
Auch sollte immer die Umgebung, in der das architektonische Werk steht, mit einbezogen werden.

4. Wie wird man Architekturfotograf ?

Wie in so vielen kreativen Berufen gibt es zwar Ausbildungen, Schulen und Studiengänge, die das Thema mit behandeln, sich dem Feld aber nicht 100%ig verschrieben haben.
Eine solide fotografische Grundausbildung kann jedoch nicht schaden. Hat man wirklich Interesse an dem Feld und möchte Architekturfotograf werden, so bildet man sich meiner Meinung nach am besten selbst weiter.
Sei es durch verschiedene Praktika, Workshops, Lernmaterial aus dem Internet, die Ressourcen zu dem Thema sind riesengroß und oftmals frei zugänglich.
Da es kaum festangestellte Architekturfotografen gibt, ist sowieso stets Eigeninitiative gefragt.

5. Kann man auch ohne professionelles Equipment (Durchschnitts Spiegelreflex, Canon Eos 100D) ansatzweise professionelle Bilder ablichten ?

Ja, man kann. In den optimalen Bedingungen (gutes Licht, tolles Objekt, kaum Bearbeitung nötig) ist sogar mit dem Handy ein gutes Foto möglich.
Da Fotografen jedoch oft dann gebucht werden, wenn etwas schwierig zu fotografieren ist, stößt man trotz viel Know-How schnell an die Grenzen von Einsteigerequipment.

6. Welche Tageszeiten sind zum fotografieren am geeignetsten ?

Fotografen meiden in der Regel die Mittagssonne. Die Schatten sind zu hart und die Kontraste zu hoch. Für schöne Architekturfotos eignet sich weiches, schräg einfallendes Licht der Morgen-, oder Abendsonne am allerbesten.
Es gibt jedoch auch Strömungen in der künstlerischen Fotografie, welche genau die verpönte Mittagssonne nutzen um einen ungewohnten Bildlook zu kreieren.

7. Was macht Ihnen an ihrem Job am meisten Spaß ?

Mir gefällt die Abwechslung am allermeisten. Man arbeitet selten mehrfach an einem Ort, lernt täglich tolle, neue Menschen kennen, welche man mit schönen Bildern glücklich machen kann und hat generell viel Input.
Einerseits mag ich es sehr mit Menschen zu arbeiten und jeden Tag etwas neues zu sehen, genieße aber auch die Konzentration und den Fokus, welche man bei der Bildbearbeitung braucht.
Der Job erlaubt mir beides zu haben, ohne, dass ich mich für eine Sache entscheiden müsste.

8. Wie lange üben Sie ihren Beruf schon aus ?

Selbstständig gemacht habe ich mich im Sommer 2012.

9. Ist Ihre Berufung auch ihr privates Hobby ?

Da mein Beruf aus meinem Hobby entstanden ist, ein ganz klares „Ja“. Privat fotografiere ich mittlerweile jedoch gerne Mensch und Dokumentationen. Außerdem gerne mit alten, analogen Kameras, die wesentlich langsamer funktionieren.
Ich denke das ist ein schöner Kontrast zum wesentlich „perfekteren“ Anspruch an die kommerzielle Fotografie.

10. Was halten Sie von Bearbeitungen wie z.B schwarz – weiß Effekten ?

Schwarz/Weiß Umsetzungen haben in der Architekturfotografie eine lange Tradition, da man hiermit sehr schöne hell/dunkel Kontrast an Gebäuden, sowie Strukturen herausarbeiten kann.
Generell sind andere „Effekte“ immer mit Vorsicht zu genießen, da diese nur kurzfristig wirken und ihre Wirkung langfristig schnell verlieren.

11. Was zeichnet einen guten Architekturfotografen aus ?

Aus künstlerischer Sicht als allererstes sicher der Blick für die richtige Perspektive, sowie die Wahl des richtigen Zeitpunkts, bzw. des Lichtes. Die Beherrschung der Technik ist obligatorisch.
Sobald es ins Business geht, sind jedoch noch ganz andere Aspekte gefragt, wie: Schnelligkeit, Kommunikation, ein eigener Stil, Gespür für das Anliegen des Kunden…

12. Was war Ihre erste Kamera? Und womit fotografieren Sie heute?

Meine erste Kamera war eine Nikon Coolpix 4600, welche ich von meinen Eltern zum 16. Geburtstag bekommen habe. Mit dieser habe ich sogar bereits meine ersten Architekturfotos gemacht.
Heute ist es eine Canon 6D.

13. Welches ist Ihr Lieblingsbild von den verschiedenen Architekturen ?

Ein richtiges Lieblingsbild habe ich gar nicht und schaue ehrlich gesagt auch gar nicht so viel auf andere Fotografen. Mein Bild des Spiegel Gebäudes in der Hafencity mag ich in letzter Zeit aber ganz gerne.

14. Wo liegen Ihre Schwerpunkte ?

Zur Zeit fotografiere ich viel im Interior Bereich, sprich Immobilienfotografie, Interiorfotografie, für Makler, Eigentümer, Home Stager oder Firmen, die ein Interesse daran haben Ihr Produkt in einem architektonischen Kontext zu sehen.

15. Was zeichnet für Sie ein wirklich herausragendes Foto aus?

Für mich ist ein herausragendes Foto nah an der Wirklichkeit, hat jedoch immer noch Elemente, welche für den Betrachter nicht gleich ersichtlich oder greifbar sind und somit ein Gefühl der Spannung erzeugen.
Sei es durch eine künstliche Lichtstimmung, eine ungewohnte Perspektive, oder einer besonderen Farbgebung.
Als kleines Beispiel lässt sich hier das Gemälde der Mona Lisa anbringen. Die Mona Lisa und der Hintergrund haben 2 verschiedene Perspektiven, was man als Betrachter nicht auf den ersten Blick erkennt, aber trotzdem unbewusst wahrnimmt.

16. Kann man Gebäude richtig oder falsch fotografieren ?

Die Fotografie ist immer nur der 2-Dimensionale Versuch, eine 3-Dimensionale Umgebung, welche jeder Mensch subjektiv anders wahrnimmt, abzubilden.
Keine Kamera der Welt kann somit „die Realität“ ablichten. Daher gibt es kein richtig und kein falsch.
Man sollte mit seinem Foto jedoch versuchen der menschlichen Wahrnehmung so nah wie möglich zu kommen. Hier kommen dann wieder technische Hilfsmittel, sowie die Bildbearbeitung zum Einsatz.
Fotografiert man zum Beispiel ein Gebäude von unten nach oben, so sieht es durch die Perspektive so aus, als ob die Wände des Hauses nach Innen zusammen fallen.
Jeder Mensch weiß jedoch, dass Wände in der Regel gerade sind, so muss man versuchen dies auf dem Foto zu korrigieren.

17. Welche Perspektiven gibt es ?

Man unterscheidet Perspektiven grundsätzlich nach Fluchtpunkt. Bei der 1 Punkt Perspektive verlaufen alle horizontalen Linien, welche nicht parallel sind, zu einem Fluchtpunkt, meist in der Mitte vom Bild.
Bei der 2 Punkt Perspektive verlaufen die Linien zu 2 Fluchtpunkten, wobei Sie durch einen Scheitelpunkt getrennt sind. Die 3 Punkt Perspektive ist auch als Frosch-, bzw. Vogelperspektive bekannt.
Hier gibt es 3 Fluchtpunkte und das Objekt ist entweder ganz von unten, oder von oberhalb aufgenommen. Es gibt auch noch die 4 Punkt Perspektive, welche man jedoch nur mit Fischaugenobjektiven erreicht, da die Linien für diese
gebogen werden müssen.

18. Welche Methoden gibt es und welche würden Sie als wichtig bezeichnen ?

Ich hoffe, ich verstehe die Frage richtig. Ich würde zwischen einer dokumentarischen und inszenierten Methodik unterscheiden. Die dokumentarische Fotografie legt den Fokus auf die pure Dokumentation des Vorhandenen.
Wobei die Inszenierung oft noch Elemente dazu nimmt, um gewisse Bereiche hervorzuheben, oder ganz neue Emotionen zu kreieren. Je nach Intention der Fotos sollte der Ansatz im Vorfeld abgeklärt werden, gerade auch mit einem eventuellen Auftraggeber.

19. Mit welchen Fotografien kann man die Architekturfotografie vergleichen ?

Ich sehe große Parallelen zur Landschaftsfotografie, welche ich früher viel betrieben habe. Man kann sein Objekt vor der Kamera nur minimal beeinflussen und ist doch sehr abhänging von z.B. einer schönen Lichtstimmung.
Bei beiden Bereichen sind Planung und eine Vorvisualisierung des Ergebnisses essentiell. Alles muss vorher schon im Kopf entstanden und an die Gegebenheiten vor Ort angepasst sein. Das Drücken des Auslösers ist dann nur noch der kleinste Teil der Arbeit.

20. Welche Tipps können Sie mir für gelungene Fotos geben ?

Wie schon im letzten Punkt angesprochen, halte ich es für ungemein hilfreich, dass man sein Foto schon vorab im Kopf entstehen lässt.
Mach dir ein genaues Bild davon, wie das Foto aussehen soll und was dafür nötig ist um diesen Look zu erreichen.
Das beste Equipment der Welt bringt nichts, wenn man nicht weiß, was man wie fotografieren möchte.
Außerdem immer ausprobieren und nicht entmutigen lassen, wenn es nicht auf Anhieb klappt.
Ein weitaus weiserer Mensch als ich hat einmal gesagt „Die ersten 10.000 Bilder sind schrott!“. Deshalb sollte man sich von seinen ersten Gehversuchen nicht entmutigen lassen.


Ich hoffe, dass Sara mit Hilfe dieser Antworten eine tolle Facharbeit schreibt und sich vielleicht sogar dazu inspirieren lässt selbst in diese tolle Richtung der Fotografie zu gehen. Ich habe Ihr noch ein paar handfeste Tips für Ihre ersten Fotoversuche mit auf den Weg gegeben und bin sehr auf die Ergebnisse gespannt!